Rückenmarksverletzung durch eine Luftgewehrkugel

Einer Katze kann doch so einiges widerfahren, während sie auf ihren Streifzügen unterwegs ist. Ein solcher Fall ist das Katzenkind „Püppi“.
Nachbarn hatten die Besitzer informiert, dass ihre acht Monate alte Püppi verletzt sei. Schon von weitem entdeckten sie ihren Liebling, der sich über ein Feld schleppte und dabei die Hinterbeine nachzog. Die Vermutung, dass die Katze von einem Auto angefahren worden war, lag nahe, da sich unweit eine Hauptstraße befindet. Sofort fuhren die Besitzer mit der Kleinen zu uns in die Klinik.

Hier stellten wir fest, dass Püppi beide Hinterbeine nicht mehr bewegen konnte.
Die Röntgenaufnahmen brachten Klarheit:  Püppi war angeschossen worden. Eine Diabolokugel aus einem Luftgewehr steckte im Wirbelkanal. Die Besonderheit daran: Sie hatte sich ausgerechnet in die Öffnung zwischen zwei Wirbelkörper gebohrt. Bei der neurologischen Untersuchung stellten wir fest, dass trotz der Lähmung der Hintergliedmaßen einige Nervenbahnen noch funktionierten. Die Hinterläufe waren zwar komplett gelähmt, ein kleiner Teil der Nervenbahnen war  jedoch noch intakt, die so genannte Tiefensensibilität war erhalten. Püppi hatte also eine kleine Chance auf Heilung.
In einer etwa dreistündigen Operation entfernten wir die Kugel aus dem Wirbelkanal. Um die Kugel entfernen zu können, mussten wir den Wirbelkanal auffräsen. Das Rückenmark war nicht durchtrennt. Wie groß aber das Ausmaß der Schädigung war, und ob sich das Nervengewebe von dieser schweren Verletzung erholen würde, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.
Die Besitzerin hatte jedoch den Mut, diesen ungewissen Weg mit ihrer Katze zu gehen.
In den Tagen nach der Operation versorgten wir Püppi mit Medikamenten zur Unterstützung der Blasenfunktion, mit Antibiotika und Schmerzmitteln. Eine große Gefahr bei dieser Art von Verletzung besteht darin, dass die kleine Patientin eine schwerwiegende Blasenentzündung (Zystitis) bekommt. Üblicherweise implantieren wir in solchen Fällen einen Dauerkatheter in die Blase. Da Püppi jedoch bereits am Tag nach der Operation kräftig beim manuellen Entleeren der Blase mithalf, verzichteten wir in diesem Fall darauf.
Sehr wichtig war und ist bislang die Krankengymnastik. Hierdurch werden die Muskeln gestärkt, die Gelenke elastisch gehalten und die Erholung der Nerventätigkeit gefördert.

Püppi machte sehr schnell Fortschritte. Wir konnten sie bereits nach einer Woche entlassen. Die notwendige Pflege und Krankengymnastik führt die sehr engagierte Besitzerin, eine gelernte  Krankenschwester, selbstständig durch.

Inzwischen kann Püppi mit einer helfenden Hand wieder auf ihren Hinterbeinen stehen und hilft schon kräftig bei Kot- und Urinabsatz. Es besteht eine sehr realistische Chance, dass Püppi wieder auf die Beine kommt. Rückblickend gesehen, hatte die kleine Katze einerseits ausgesprochenes Pech, dass das Geschoss ausgerechnet ein Zwischenwirbelloch getroffen hat. Das ist wirklich sehr, sehr selten. Andererseits hatte Püppi Glück im Unglück, da durch die Kugel nicht eine komplette Zerstörung des Rückenmarkes verursacht wurde. Das größte Glück für Püppi waren und sind sicherlich ihre Besitzer, die trotz der fraglichen Heilungschancen mit viel Liebe, Geduld und Mitarbeit die Genesung überhaupt erst ermöglicht haben.
Für unser Team war der Fall von Püppi ein ziemliches Aha-Erlebnis, denn bevor wir das Geschoss auf dem Röntgenbild entdeckten, hatten wir zunächst mit einer Fraktur oder ähnlichem gerechnet. Die Operation war sowohl eine spannende als auch anspannende Angelegenheit, es war hier wirklich Millimeterarbeit gefragt.

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